Aufsätze
Wissen zum Glück
Selbst glücklich zu werden, setzt voraus, dass man auch selbst versteht, was einen glücklich macht. Wissen eigne ich mir an, um für mich selbst Nutzen daraus zu ziehen, um zu erkennen, was meiner Bedürfnisbefriedigung zugute kommt. Und erst, wenn ich etwas verstanden habe, also nicht nur Fakten abgespeichert habe, wenn ich mir also Wissen richtig zu eigen gemacht habe, erst dann kann ich mein Wissen auch sinnvoll nutzen. Etwas zu glauben, was ich nicht verstehe, ist erstens Faulheit und zweitens Selbstaufgabe, ob dieser Glaube nun etwas mit Religion zu tun hat oder sich auf das bezieht, was jemand anderes gesagt oder geschrieben hat. Diese Selbstaufgabe, also die Schwächung des Ichs, kann bis hin zum Selbstmord aus Glaubensgründen führen. Wer dagegen auf sich selbst hört, der glaubt das, was er selbst nachvollzieht, und überprüft auch das, was er glaubt, da er weiß, dass es keine absoluten und ewigen Wahrheiten gibt, sondern dass sich die Welt ständig verändert: Das was gestern für mich gut war, muss es heute nicht mehr sein, und morgen erst recht nicht. Daher vergewaltige ich mich selbst, wenn ich das, was gestern war, zum Maßstab für heute und das was heute ist, zum Maßstab für alle Zeiten mache. Die Folge daraus ist, dass der selbstbewusste Mensch das akzeptiert, was kommt, und sich auf jede Situation neu einstellt: Erstrebe was kommt und du erhältst immer was du willst. Nur wenn du also auch das Unerwartete, also das was du nicht voraussehen kannst, erstrebst, stellst du sicher, dass du auch morgen, also im nächsten Jetzt, deine Bedürfnisse so gut es geht befriedigen kannst.
Da jeder Wissen für sich selbst nutzt, kann es auch keine für alle gleiche Bewertung von Wissen geben. Zensuren etwa liegen der Annahme zugrunde, dass jedes Wissen für jeden Menschen gleich wertvoll ist. Es wird dabei davon ausgegangen, dass der Weg zum Glück für jeden Menschen gleich sein muss, dass es also ein kollektives Menschenglück gebe, für dessen Erreichen man nur den richtigen Plan erarbeiten müsse. Zensuren bewirken auch, dass jeder einzelne Mensch im Hinblick auf seinen Nutzen für dieses Kollektiv, die "Gesellschaft", bewertet wird. Die Gesellschaft ist aber nichts anderes als die Summe von Individuen. Und wenn jedes Individuum mit seinen eigenen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln sein eigenes Glück verfolgen darf, ohne anderen zu schaden, dann hat man eine Ansammlung, eine "Gesellschaft" von glücklichen Menschen. Wenn man alle Individuen aber zu einem gemeinsamen Glück zwingen will, wenn man sie darüber hinaus durch Noten einer Bewertung unterwirft, dann bewirkt man das Gegenteil. Die Freude am Lernen wird erheblich getrübt, weil für die Zensur gelernt wird und nicht für den eigenen Erfolg, nämlich der Entwicklung des Ichs. Und indem ich die Eigenständigkeit und Selbstbezogenheit meiner Mitmenschen einschränke, wenn ich sie also der Selbstvergessenheit überlasse, indem ich ihr Selbstbewusstsein von anderen abhängig mache, dann schwäche ich meine Mitmenschen und in letzter Konsequenz auch mich selbst.
Denn profitieren kann ich letztendlich nur von starken Mitmenschen. Nur der selbstbewusste andere, der sein eigenes Glück verfolgt, kann mir, meiner Freiheit und meinem Glück zuträglich sein, denn nur da wo unterschiedliche Bedürfnisse entstehen, können Menschen einander nützen, durch Handel oder durch Hilfe: Wenn ich von etwas zuviel habe, tausche ich es mit demjenigen, der davon zu wenig hat, gegen etwas, was ich selbst zuwenig habe. Und wenn ich selbst nichts materielles anzubieten habe, dann bekomme ich von demjenigen etwas, der gerade das Bedürfnis hat, einem anderen zu helfen, und der durch die Befriedigung dieses Bedürfnisses glücklich wird. Wenn ich aber allen Menschen vorschreibe, dass sie nur für andere da sein sollen, dann schaffe ich Armut für alle, und wenn ich allen Menschen vorschreibe, sie sollen alles für sich behalten, dann gäbe es bald nur noch Menschen, die nur das haben, was sie nicht brauchen. Überlasse ich aber jedem Menschen selbst, was er braucht, was er gibt und zu nehmen bereit ist, was er erhandelt, ertauscht oder erkauft, dann schaffe ich Wohlstand für alle, denn so befriedigt jeder Mensch im Austausch mit anderen Menschen seine eigenen Bedürfnisse. Deswegen schütze ich letztendlich meine eigene Freiheit und mein eigenes Glück, indem ich die Freiheit und das Glück der anderen Menschen schütze und fördere. Das hat zur Folge, dass ich meinen Mitmenschen aus Eigennutz nicht schade und ihr Eigentum respektiere, denn was ich anderen raube, das raube ich irgendwann mir selbst. In einer Welt freier, selbstbestimmter und egoistischer Individuen ist also viel eher als in einem Zwangskollektiv gewährleistet, dass Gutes mit Gutem vergolten wird und Schlechtes mit Schlechtem.
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