Aufsätze
Verzicht - Genuss der Vernunft!
Noch vor wenigen Jahren hätte ich obige Aussage nicht verstanden. Die ganze Welt war nur zu meiner Genusssteigerung da, möglichst sofort. Heute ist die Welt immer noch zu meinem
Genuss da, aber den Genuss ziehe ich jetzt immer häufiger aus dem Verzicht als aus dem Konsum. Gerade beim Essen und Trinken war ich früher nicht zu bremsen, nicht Herr meiner selbst.
Mir etwas wohlschmeckendes zu versagen war nicht meine Sache. Dass meine Länge von 168cm diesem Lebensstil nicht auf Dauer, zumindest nicht ohne gesundheitliche Schäden zu verursachen, gewachsen war, konnte ich nicht völlig verdrängen. Wie immer hatte ich natürlich ausgesprochen vernünftige Gründe für mein Handeln. Hier ein paar meiner Lieblingsbegründungen, sicher nicht nur von mir, als Kostprobe meiner Kreativität, wenn es darum geht, "sinnvolle" Begründungen für mein offensichtlich schädliches Verhalten zu finden:
- Man gönnt sich ja sonst nichts
- Lieber 90 Jahre voller Genuss als 95 Jahre des Verzichts
- Was ich heute genossen habe, kann mir kein Mensch mehr nehmen
- Bei so viel Arbeit habe ich es mir verdient
- Halb besoffen ist rausgeschmissenes Geld
- Bei meinem beruflichen Stress kann ich nicht auch noch auf mein Gewicht achten.
- Wenn dieser Auftrag (Abschnitt, Saison etc.) vorüber ist, werde ich ganz bestimmt gesünder leben.
- Ich bin stark genug, um meine Schwächen auszuleben
- Nur wer sich auslebt lebt intensiv
usw.
Bei längerem Nachdenken fallen mir sicher noch weitere "sinnvolle Weisheiten" zu diesem Thema ein. Ist der schnelle Genuss ohne Reue denn wirklich ein so großer Genuss, oder mache ich mir hier nur etwas vor, wie so häufig in meinem Leben?
Ist auch hier der sofortige Genuss mit einem hohen Preis in der Zukunft zu bezahlen?
Worin besteht dieser "Preis", den ich langfristig bezahlen muss?
Ich versuche das hier einmal an meiner Lieblingsspeise (bis 1997) Schweinshaxe zu klären:
1. Preis 7,90 Euro meines (mehr oder weniger) sauer verdienten Geldes
2. Preis 1 Stunde. meiner unbezahlbaren Lebenszeit
3. Preis Völlegefühl, Sodbrennen, von den Fettflecken auf meinem Hemd gar nicht zu reden.
Das sind in etwa die sofort fälligen geringen Preise.
4. Preis Durch das viele Fett werden meine Geschmacksnerven unsensibler, weiterer Genuss
bedarf einer immer höheren Dosis Geschmacksverstärker (Fett u. Gewürz). Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, es ist eher ein schleichender Prozess. Darüber hinaus dehnt sich der
Magen immer weiter aus, mit dem unerwünschten Ergebnis, dass ich immer mehr essen muss um das Sättigungsgefühl (Bedürfnisbefriedigung) zu erreichen.
5. Preis Gewichtszunahme, ca. 2000 Kalorien (die Haxe konnte nicht groß genug sein) bereits in einer Mahlzeit gehen halt nicht spurlos an meinem Rettungsring vorüber, da ich in der Regel
nicht mehr wie 1800 Kalorien pro Tag verbrauche. Bei fortgesetztem "Genuss" sehe ich meinen kleinen Freund auf der Toilette nicht mehr, das Schuhe zumachen bereitet mehr und mehr Probleme, Treppensteigen und Sex werden zur Schwerstarbeit (bei zuletzt 35 kg Übergewicht).
6. Preis Die Kosten für eine Lebensversicherung verdoppeln oder verdreifachen sich schnell, da die Risikokalkulation vorwiegend an Hand der Blutwerte erfolgt. Die Schweinshaxe ist nicht ganz unschuldig, wenn diese Werte weit im roten Bereich liegen.
Jetzt nur noch die langfristigen Preise und schon habe ich es geschafft.
7. Preis Gelenk, Bänder und Knorpelprobleme (Verschleiß). Fettablagerungen im gesamten Kreislauf erhöhen das Herzinfarktrisiko erheblich.
Das ist schon alles, nur sieben Preise für eine leckere Schweinshaxe. Jetzt habe ich fast eine wichtige Leistung vergessen. Die Serviette ist kostenlos.
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