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Aufsätze

 

Macht über mich selbst

Als glücklicher Mensch brauche ich zwar keine Macht über andere, doch ich brauche Macht über mich selbst, denn ich strebe an, mich meiner Schwächen zu bemächtigen. Warum? Damit ich weder mir selbst noch anderen schade. Denn nur wenn ich schwach bin, bin ich versucht, diese Schwäche dadurch auszugleichen, dass ich andere schwäche. Und indem ich andere schwäche, schwäche ich mich letztendlich selbst. Deshalb will ich meine eigenen Schwächen und Begierden beherrschen, um glücklich zu werden.

 

Je mehr Schwächen und Begehrlichkeiten ich also bei mir selbst beseitige, desto glücklicher werde ich. Mit den "geistigen" Begehrlichkeiten verhält es sich im übrigen ähnlich wie mit den physiologischen Bedürfnissen. Wenn ich Hunger habe, strebe ich beispielsweise nach einem Brötchen. Ist der Hunger überwunden, wäre ich dumm, wenn ich mir ein weiteres Brötchen zuführen würde. Meine Bedürfnislage ändert sich dauernd, und auch meine geistigen Bedürfnisse sind ständigen Veränderungen unterworfen, vorausgesetzt ich bin ehrlich genug zu mir selbst, um diese Veränderungen zu erkennen und zu akzeptieren. Nur um "konsequent" zu sein, immer das gleiche geistige Bedürfnis, ob es nun Reichtum, Macht oder Wissen ist, befriedigen zu wollen, wäre ähnlich dumm, als wenn ich am laufenden Band Brötchen essen würde, nur weil das Bedürfnis danach einmal vorhanden war und obwohl ich mittlerweile Bauchschmerzen habe. Ich wäre dann nicht glücklich, da ich an meinen Bedürfnissen vorbeileben würde. Daher kann nur derjenige glücklich sein, der im ständigen Einklang mit seinen physischen und geistigen Bedürfnissen lebt, der also immer in sich hineinhorcht, um zu verstehen, was er wirklich braucht.

Und niemand anders als ich selbst kann erfassen und bestimmen, was ich brauche. Genauso wenig wie ich für einen anderen essen, trinken oder einen Orgasmus haben kann, so wenig kann ich auch die geistigen Bedürfnisse eines anderen befriedigen, so wenig kann ich für einen anderen zufrieden oder glücklich sein. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass kein anderer erkennen und bestimmen kann, was meine eigenen Bedürfnisse sind und was mein eigenes Glück herbeiführt. Das kann ich nur mit mir selbst ausmachen. Und genau deswegen ist es auch kontraproduktiv für mein Glück, wenn ich mich ständig mit anderen vergleiche, wenn ich mich davon leiten lasse, was dem anderen schmeckt oder was der andere denkt. Wenn ich das tun würde, hätte ich lediglich Ersatzbefriedigungen. Ich wäre ein Mensch, der seine Bedürfnisse von anderen abhängig macht, ich würde mich also selbst verleugnen, versklaven und unglücklich machen. Meine innere Harmonie wäre gestört, was Unwohlsein, Unglück und psychische Krankheiten bis hin zur Schizophrenie zur Folge haben kann.

 

Ersatzbefriedigungen, die mit mir selbst nicht zu tun haben, verschaffe ich mir auch dadurch, dass ich einem anderen Menschen als mir selbst bedingungslos folge und ihn zum Maß aller Dinge mache, wenn ich etwa das nachdenke, was ein anderer gedacht hat. Wenn ich mir ein Vorbild in einem anderen Menschen schaffe und alles akzeptiere, dann gebe ich mich selbst auf und versuche, mich zur Kopie dieses anderen Menschen zu machen. Damit mache ich auch mein Glück abhängig vom Glück des anderen. Wenn beispielsweise mein Nachbar ein schöneres Auto hat als ich und dadurch glücklich zu sein scheint, dann will ich es ihm nachtun,

 

um ebenso glücklich zu sein. Besser noch, ich übertreffe den Nachbarn, damit ich einen Glücksvorsprung vor ihm habe. Diesem Kreislauf zu folgen, weil alle anderen es so machen, ist Schwäche, denn ich mache mein Glück abhängig von den anderen. Mitmachen ist immer einfacher als weglaufen. Stärke bedeutet dagegen, diesen Kreislauf zu durchbrechen, also nicht mitzumachen, sondern sich von ihm zu verabschieden, sein Glück bei sich selbst zu suchen und nicht beim anderen oder im Vergleich mit anderen. Und diese innere Stärke wird mit wahrem Glück belohnt, da sie sich keinem Wettbewerb mit den anderen stellen muss, sondern nur dem Wettbewerb mit mir selbst. Denn immer wenn ich ein selbst gestecktes Ziel erreiche, gewinne ich diesen Wettbewerb mit mir selbst. Ich verbessere mich also ständig. Und zu diesen selbst gesteckten Zielen kann es auch gehören, meine Abhängigkeit von den anderen zu vermindern oder auch meine eigenen Bedürfnisse zu reduzieren, beispielsweise zu lernen, mit einem trockenen Brötchen ebenso befriedigt zu werden wie früher mit einer Schweinshaxe.









 

 

 

 

 

 

 

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